China ist ein Digital Native

Deutschlands Industrie fühlt sich dieser Tage gejagt: Die Angst von neuartigen, digitalen Geschäftsmodellen „disruptiert“ zu werden ist nicht erst seit AirBnB oder Netflix groß. Seit Jahren schon ist Amazon der größte Konkurrent für den deutschen Einzelhandel und eine vergleichsweise kleine Firma wie WhatsApp sorgt für das Verschwinden der einst so beliebten SMS als Kurzkommunikationsmittel. Als Beispiele für erfolgreiche digitale Geschäftsmodelle werden hierzulande jedoch überwiegend amerikanische Unternehmen herangezogen. Das ist auch nicht verwunderlich, da wir in Deutschland und Europa doch geradezu traditionell US-orientiert konsumieren. Doch sind die USA mit ihrem Silicon Valley vielleicht nicht mal die bemerkenswerteste Referenz, um sich etwas vom digitalen Gründergeist und dem erfolgreichen Einsatz von Netzwerkeffekten abzuschauen. So ist Amazon heute nicht mehr unangefochtener Platzhirsch im Onlineeinzelhandel, Alibaba ist als Marktfolger dicht an ihm dran. Und auch WhatsApp hat im asiatischen Bereich längst nicht die Verbreitung und den Funktionsumfang wie es WeChat hat. In diesem Beitrag möchte ich mehrere (Hinter-)Gründe anführen, wieso der Blick nach China mindestens genauso interessant ist und was wir vom Reich der Mitte lernen können. Denn China ist aus unterschiedlicher Perspektive ein wahrer Digital Native.

China handelt nach Grundsätzen der agilen Entwicklung

Kollaboration und inkrementelle Entwicklung sind u. a. Kernvoraussetzungen, um nach modernen Arbeitsmethoden wie SCRUM Produkte (wie z. B. Autos, Drohnen, Software…) zu entwickeln. Chinesische Firmen scheinen diese Grundsätze geradezu natürlich von der Hand zu gehen, da die chinesische Kultur diese aus meiner Sicht grundsätzlich begünstigt:

  • Kollaboration: Während in der westlichen Welt das Individuum mit seinen Rechten und seiner persönlichen Selbstentfaltung im Fokus steht, basiert die chinesische Sozialisierung eher auf der Betonung des Kollektivs. Der Einzelne bekommt bereits in der Grundschule durch Maßnahmen wie den morgendlichen Gruppentanz demonstriert, dass das große Ganze nur dann auch operativ funktionieren kann, wenn sich der Einzelne der Idee des großen Ganzen verschreibt. So verhält es sich schließlich auch bei der Entwicklung von Software: Zusammen kommt man schneller voran, doch das erfordert den Willen und das Verständnis zur Kooperation mit dem Team. Ich habe Chinesen als sehr gesellschaftliche und wenig eigenbrötlerische Menschen kennengelernt und sehe in dieser Einstellung einen Vorteil in der Arbeitswelt – adäquate Ausbildung der Mitarbeiter und effektive Führung im Unternehmen werden dadurch natürlich nicht obsolet.
  • Inkrementelle Entwicklung: „Made in China“ war vor Jahren kein Qualitätsmerkmal, eher das Gegenteil. Die chinesische Wirtschaft basierte und basiert zu nicht geringen Teilen auf dem Abkupfern bewährter Produkte, wobei sich chinesische Unternehmen nicht für die teils überschaubare Qualität der Repliken zu schämen schienen. Deutschen Firmen wäre vergleichbares nicht passiert: Qualität, Sicherheit und Genauigkeit stehen hier vor einem Markteintritt an erster Stelle. Heute scheinen die softwarebasierten chinesischen Produkte aber von dieser einst sorglosen Markteinführungsstrategie zu profitieren: Je früher im Markt, desto früher bekommt die Firma Feedback der Nutzer und desto früher kann sie das Produkt durch Softwareupdates verbessern. Firmen wie Huawei, Xiaomi oder DJI werden heute auch von deutschen Konsumenten als Hersteller von qualitativ hochwertigen Produkten wahrgenommen, die ihre westlichen Wettbewerber in den Schatten stellen.

Chinas politischer Kurs strebt nach Vernetzung

Christoph Kneese schreibt in seinem Buch „Silicon Germany: Wie wir die digitale Transformation schaffen“ davon, dass es den deutschen Produkten nicht an den technologischen Voraussetzungen mangelt, um sie zu digital erfolgreichen Produkten zu machen. Maschinen und Geräte sind bereits heute mit unterschiedlichster Sensorik ausgerüstet. Er bringt vielmehr eine organisatorische und politische Dimension zum Verständnis der Digitalisierung ein: die Vernetzung. Deutsche Unternehmen haben seiner Ansicht nach Angst oder Schwierigkeiten damit, ihre Produkte mit dem Internet oder sich selbst mit anderen Unternehmen zu vernetzen. Dabei ist Vernetzung die Grundlage für die neuen Geschäftsmodelle der Gegenwart, ohne Vernetzung keine Kommunikation und Interaktion, und somit kein Mehrwert für den digital-affinen Nutzer.

Chinas Politik fußt vielfach auf dem Gedanken der Vernetzung, sowohl nach innen, als auch nach außen.

  • Nach innen gibt die Han-Sinisierungspolitik Chinas (siehe dazu z. B. den Beitrag von Prof. Jahn) den hoch heterogenen Kulturlandschaften des Landes (neben den Han existieren über 50 weitere Volksstämme in China) einen gemeinsamen Nenner. Die politische Unterstützung der Verbreitung von Han-Chinesen im ganzen Land vereinfacht der Regierung die Verwaltung des bevölkerungsreichsten Landes der Welt. Daneben wird die Verbreitung einer einheitlichen Sprache gefördert. Stark vereinfacht ausgedrückt: Über Jahrhunderte wurde das Land mit Han-Chinesen vernetzt, um heute in zahlreichen kulturell unterschiedlichst geprägten Regionen effizient regieren zu können. Daneben zielt China auch in puncto Infrastruktur auf völlige Vernetzung ab: modernste Bahnstrecken selbst in entlegenste Gebiete werden erschlossen, neueste Mobilfunkstandards werden flächendeckend ausgerollt und die Verfügbarkeit (des zensierten) Internets ist für die Größe des Landes beachtlich gut.
  • Nach außen demonstriert Chinas Politik einen Kurs der Wirtschaftsdiplomatie. Wie beispielsweise im Cicero 04/2018 zu lesen ist, arbeitet China derzeit mit der neuen Seidenstraße an der Umsetzung eines der weltgrößten geostrategischen Vernetzungsprojekte überhaupt. Über Land und auf See werden in unterschiedlichsten Ländern Infrastrukturmaßnahmen angeschoben und durch China (mit-)finanziert, die den Transport von Waren auf diesen Routen schneller und einfacher möglich machen und damit gleichzeitig den wirtschaftlichen Wohlstand in den jeweiligen Regionen fördern. China tritt in seiner Rolle als aufstrebende Weltmacht nicht als Besatzer auf, wie zuvor die imperialistischen Weltmachten des Vereinten Königreichs oder den Vereinigten Staaten Amerikas. China sieht sich in der Rolle eines wirtschaftlichen Förderers und Vermittlers zum gegenseitigen Vorteil. China gibt Geld und spendet damit Wohlstand, das Partnerland hingegen entspricht den wirtschaftlichen Wünschen des roten Riesen und beliefert ihn beispielsweise mit den gewünschten Rohstoffen.

Chinesische Firmen können von dieser politisch geschaffenen Infrastruktur nicht nur profitieren, sie können sich auch an der Kultur der konsequenten Vernetzung orientieren. Denn auch die Ganzheitlichkeit Chinas als Zentralstaat entspricht eher der Produktidee eines mechatronisch-digitalen Gesamtsystems, als ein zerstreuter deutscher Föderalstaat in einem noch zerstreuteren Europa, in welchem Rechte und Pflichten der jeweiligen Fragmente bis heute regelmäßig in Frage stehen.

Chinas Bevölkerung hat den Nutzen digitaler Produkte früh erkannt

Die Entwicklung Chinas ging in den vergangenen Jahrzehnten besonders rasant vonstatten. Ein gutes Beispiel zur Veranschaulichung ist die Entwicklung von Shanghai in den Jahren zwischen 1990 und 2010. Während China noch vor wenigen Jahrzehnten ein hauptsächlicher Agrarstaat war, drängen die Menschen aus einfachsten Verhältnissen mehr und mehr in die großen Städte, die im Fall von Shanghai bereits besser entwickelt sind als westliche Großstädte. Menschen, die mangels Verfügbarkeit ohne Festnetztelefon, Faxgerät oder Schreibmaschine aufgewachsen sind, bekommen direkt ein Handy oder Smartphone in die Hand und überspringen damit Technologien, an die sich mancher Mitt-Fünfziger in Deutschland aus Gewöhnung noch gerne klammern mag. Diese gesellschaftliche Entwicklung Chinas spiegelt sich auch in der folgenden Verteilung der Erwerbstätigen nach Wirtschaftssektoren wider.

Statistik: China: Verteilung der Erwerbstätigen auf die Wirtschaftssektoren von 2005 bis 2015 | Statista

Man kann sagen, China hat im Sinne der technologischen Adaption (aktuell) weniger mit Altlasten zu kämpfen, als wir das haben. Die Menschen sind offen für neue Technologien, weil sie den Mehrwert und den Nutzen in den Vordergrund ihrer Wahrnehmung stellen, die Abwägung von Risiken also nicht im Übermaß die Entscheidung zur Nutzung einer Technologie determiniert. Damit sind chinesische Konsumenten nicht nur näher am technologischen Fortschritt, sondern auch chinesische Unternehmen profitieren von der Neugier und der Lust am Probieren, die viele Chinesen mitbringen. Neue Geschäftsmodelle lassen sich so schneller erproben und sogar in das B2B-Geschäft überführen: Denn während die Führungskräfte der Babyboomer-Generation in Deutschland auf betagten, aber noch funktionstüchtigen Technologien und Geschäftsmodellen beharren, die ihnen in der Vergangenheit den wirtschaftlichen Erfolg bescherten, hatten chinesische Manager derselben Generation mit diesen Technologien und Geschäftsmodellen vielleicht noch gar nicht zu tun. Diese chinesischen Manager haben ihren Erfolg dem Zeitgeist des 21. Jahrhunderts zu verdanken und unterliegen somit keinem geistigen Lock-in-Effekt.

Chinas Politik schafft einen digital-freundlichen Rechtsrahmen

China investiert nicht nur massiv in künstliche Intelligenz (zuletzt machte ein geplanter KI-Gewerbepark von sich reden), sondern vor allem das Vakuum an chinesischen Datenschutzgesetzen ermöglicht das schnelle Voranschreiten bei der Entwicklung der vornehmlich auf Daten basierenden KI-Technologien. Europa fokussiert mit der neuen DSGVO vor allem auf den Schutz der Daten des Individuums, Persönlichkeitsrecht sticht technische Möglichkeiten. China hat sich einem anderen Weg verschrieben: Denn je mehr Menschen, desto mehr Daten und je mehr Daten, desto besser lässt sich eine KI entwickeln, sofern man die Auswertung und Verarbeitung von Daten zulässt – und China lässt hier gewähren.

Apps mit einem Funktionsumfang wie WeChat sie aufweist, wären in Deutschland nicht denkbar: Chinesen erhalten ihr Gehalt über WeChat, sie verleihen darüber Geld an Freunde und zahlen geliehenes Geld zurück, es wird telefoniert und getextet, das eigene Kontaktnetzwerk verwaltet oder der nächste Immobilienkredit abgeschlossen. Zuletzt wurde WeChat sogar als Ersatz für offizielle Ausweisdokumente in China akzeptiert. Da WeChat durch die chinesische Regierung kontrolliert wird, erhält die chinesische Obrigkeit umfassenden Ein- und Überblick über das Verhalten sämtlicher WeChat-Nutzer und kann vergleichsweise einfach aus den vielen Daten die relevanten Informationen extrahieren, um seine Bürger zu kategorisieren. Ein Social Credit System soll „gute Bürger“ mit günstigen Krediten, besserer Krankenversicherung oder bei der Vergabe von Studienplätzen belohnen. Eine weitere, womöglich sehr effektive Maßnahme zur Volkserziehung und Lenkung des Milliardenstaats.

Während im Silicon Valley schon seit Jahren selbstfahrende Fahrzeuge im öffentlichen Straßenraum unterwegs sind, ist die Meldung über eine nicht mal ans öffentliche Straßennetz angeschlossene Teststrecke für autonomes Fahren in Aachen oder der BMW Autonomous Driving Campus für die deutsche Automobilwirtschaft ein wahrer Meilenstein. Und obwohl amerikanische Firmen wie Google, Uber oder Tesla derzeit in puncto autonomes Fahren die Nase vorn zu haben scheinen, wird schon jetzt prognostiziert, dass die Chinesen letztlich als Gewinner aus dem Wettrennen um die neue Megatrend-Technologie gehen werden. Die guten Aussichten bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz in Ermangelung entsprechend hemmender Datenschutzgesetze sind dabei nur eine günstige Rechtsvoraussetzung, doch sicherlich wird es in China dann am Verkehrs- und Haftungsrecht nicht scheitern.

Was können wir von China lernen?

Auch wenn sich tiefe Begeisterung über die digitale Schlagkraft Chinas aus meinen Zeilen liest, ist mir durchaus bewusst, dass wir uns in Deutschland – überwiegend glücklicherweise – in einer völlig anderen Situation befinden, wir auf andere Art und Weise sozialisiert und erzogen werden und auch unsere Politik anderen Grundsätzen folgt. Doch schadet es meiner Ansicht nach nicht, sich selbst, seine Umgebung, die gesellschaftlich-politischen Umstände aber auch die wirtschaftliche Situation stets kritisch zu hinterfragen. Was also können wir von China lernen?

  • Ein Produkt muss nicht perfekt sein, wenn es auf den Markt kommt. Es sollte aber die Möglichkeit besitzen, nachträglich perfektioniert zu werden.
  • Zusammenarbeit ist entscheidend für Erfolg: Sowohl im Kleinen bei der Produktentwicklung, als auch im Großen beim Schmieden von Partnerschaften oder bei der Festigung von wirtschaftlichen Beziehungen.
  • Vernetzung als Kernaufgabe der Digitalisierung ist nicht alleine eine technische Aufgabe. Vielmehr geht es darum zu verstehen, welche Vorteile ein vernetztes System im Vergleich zu einem abgeschotteten bringt.
  • Neues wagen: Altbewährte Technologien und in der Vergangenheit erfolgreiche Geschäftsmodelle sollten uns nicht blind und faul machen. Vielmehr sollten wir Neugierde fördern und beispielsweise neu entdeckte Produkt- oder Entwicklungsfehler als Erfahrungen belohnen.
  • Öffentliche Infrastruktur aber auch der öffentliche Rechtsrahmen müssen so gestaltet sein, dass technologische Innovation geschehen kann. Die Politik sollte sich nicht allein als Regulierungsorgan verstehen, sondern könnte durch Bürokratieabbau auch den Boden für Innovationen bereiten.
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