Die Sonderstellung Israels

Der Holocaust, wie er im Dritten Reich vonstatten ging, ist ohne Zweifel eine der größten Gräueltaten der jüngeren Menschheitsgeschichte. Obgleich Juden bereits vor der Zeit der Nazis und auch in anderen Ländern verfolgt wurden, hat Deutschland aufgrund der Gewaltverbrechen an Juden vor und während dem Zweiten Weltkrieg besonders damit zu kämpfen, mit dem Begriff Antisemitismus in Verbindung gebracht zu werden.

Die 1948, und damit nach Ende des Zweiten Weltkrieges bzw. des Holocaust, erfolgte Gründung des Staates Israel, gewinnt durch die vorhergehenden Judenverfolgungen der vergangenen Jahrzehnte, insbesondere aber während des Holocaust in Deutschland mit Sicherheit an Legitimität. Nicht nur, dass Juden von diesem Tag an einen eigenen Staat als Heimat und Zufluchtsort haben sollten, auch europäischen Staaten wurde damit die Beantwortung von Fragen der Beherbergung einer Vielzahl an jüdischen Flüchtlingen erleichtert. Unabhängig von der religiös-spirituellen Bedeutung des heutigen Territoriums Israels, würde ich deshalb aus meiner heutigen, sicherlich stark eingeschränkten und subjektiven Sicht, die grundsätzliche Legitimität des Staates Israels als gegeben ansehen und dies nicht in Frage stellen. Auch unter Einbeziehung der für Juden schwerwiegenden, religiösen Bedeutung der Region Palästina, erscheint es für mich nachvollziehbar, dass ein Judenstaat eher in dieser Region als in anderen, womöglich weniger dicht besiedelten Regionen der Erde, zu gründen Sinn ergibt.

Die Existenz des Staates Israel schließt für mich, als unabhängigen Beobachter der dortigen Situation und vor dem Hintergrund der belegten Geschichtsfakten, eine Existenz eines Staates Palästina aber keinesfalls aus, sondern genau genommen unbedingt ein. Denn während Palästinenser heute um die bloße Existenzberechtigung eines eigenen Staates zu kämpfen haben, schien der ursprüngliche Plan der UN-Resolution 181 doch eigentlich sehr eindeutig. In der besagten Resolution wird ein Existenzrecht beider Staaten anerkannt und eine Teilung des bisherigen Staates Palästina, welcher bis zur Staatsgründung Israels unter britischer Verwaltung stand, vorgesehen. Perfiderweise gingen mit der Errichtung des jüdischen „Flüchtlingsstaates“ Israel Flüchtlingswellen von hunderttausenden Palästinensern einher, welche nun in Flüchtlingslagern im Libanon, Syrien, Jordanien oder Israel (Palästinensergebiete) untergebracht sind.

Sieht man sich die Situation in Israel mit eigenen Augen an, bereist man palästinensische Gebiete/Flüchtlingslager oder verfolgt man die Nachrichten, so versteht man angesichts der geschichtlichen Hintergründe oft die Welt nicht mehr: Wie kann es sein, dass der Staat Israel wieder und immer wieder in Gebieten jüdische Siedlungen errichtet, die offiziell nicht unter die Verwaltung Israels fallen? Ungeachtet der Tatsache, dass sich Vetomächte der UNO wiederholt gegen eine Anerkennung eines Staates Palästina sträuben, existieren bereits heute autonome Gebiete, die unter palästinensischer Verwaltung stehen. Doch selbst in diesen Gebieten existieren israelische Siedlungen und von diesen kommen auch bis heute noch immer weitere hinzu. Wie kann es außerdem sein, dass um palästinensische Autonomiegebiete eine acht Meter hohe (doppelt so hoch wie die Berliner Mauer) Betonmauer von über 750km Länge errichtet werden darf und die Menschen dort ein Leben fristen, wie man es hierzulande spätestens nach der Wende als abscheulich und menschenunwürdig verurteilen würde?

Nun, es ist Israel. Und wir Deutschen sind die letzten, die sich gegen die Interessen Israels wenden würden. Ob man Verfechter oder Bestreiter der Kollektivschuldthese ist: Israel hat mit Sicherheit einen Stein im deutschen Brett. Wurde Juden doch in Deutschland Schlimmstes angetan, hat es uns heute nichts mehr anzugehen, wie es Nicht-Juden im heutigen Israel ergeht. Immerhin sind wir Deutschen davon nicht direkt betroffen – ein Glück.

Zusammengefasst kann also festgehalten werden, dass Israel innenpolitisch an quasi keinerlei Grenzen der politischen oder menschlichen Moral gebunden ist. Doch trifft dies ebenso auf die Außenpolitik zu? Benjamin Netanjahu rührt dieser Tage die internationale Werbetrommel für einen Angriff auf den Iran. Ein angeblicher Präventivschlag um sicherzustellen, dass von Iran keine atomare Gefahr ausgeht. Nachdem eine ähnliche US-Kriegspropaganda 2003 mit dem Irak tatsächlich zum Krieg führte und letztendlich der ohnehin nur vage Verdacht der beabsichtigten Herstellung bio-chemischer-Waffen seitens des Irak nicht bestätigt werden konnte, ist es verständlich, dass jeder politisch Interessierte bei einer solchen Inverdachtnahme nun aufhorcht. Selbst die ansonsten nicht gerade kriegsscheuen Amerikaner warnen vor den Konsequenzen eines Angriffs auf den Iran.

Günter Grass war einer der wenigen Deutschen, der es mit einer lautstarken Kritik in Form eines Gedichts an diesem Kriegsvorhaben Israels in die deutschen Medien geschafft hat. Gleichzeitig ist er eine der wenigen prominenten und gebildeten Persönlichkeiten, die die heikle Beziehung Deutschlands zu Israel vor dem Hintergrund des Holocaust öffentlich thematisierte. Was darauf folgte ist aber so vorhersehbar, dass Grass es bereits in seinem Gedicht prophezeihte. Das Verschweigen der vermeintlichen Verbrechen Israels ist nach seiner eigenen Erkenntnis „ein Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird“ – und diese Strafe erfährt Grass nun am eigenen Leibe: eine mediale Hinrichtung, wie sie Deutschland bereits bei KT zu Guttenberg und Christian Wulff innerhalb der letzten 14 Monate erlebte.

Schade nur, dass ein Schriftsteller nicht zurücktreten kann.

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Ein Kommentar zu Die Sonderstellung Israels

  1. Tommy Jehmlich sagt:

    Danke für diesen gut reflektierten und in meinen Augen wichtigen Blog-Eintrag.

    Ich möchte Ihn jedoch um eine, meiner Meinung nach, wichtige Perspektive ergänzen. Die Frage ist nicht allein, wie ein Deutscher oder eine Deutsche die Situation in Israel bewerten darf und wie er zur Anerkennung Palestinas stehen darf, vor dem Hintergrund der eigenen Historie, spannend ist auch wie sich ein israelischer Staat vor dem eigenen historischen Hintergrund verhalten sollte.

    Es ist mehr als nachvollziehbar, dass ein jüdischer Staat in einer ansonsten arabischen Region nicht all zu viele Freunde hat und das daraus ein übergroßes Sicherheitsbedürfnis erwächst. Die Geschichte der letzten 60 Jahre hat auch gezeigt, dass ein gesteigertes Sicherheitsbestreben Israels nötig ist und das sie sich permanenten Angriffen und Bedrohungen erwähren müssen. Genau damit wird auch der Bau der Mauer begründet und es ist erstaunlich, dass das israelische Volk in seiner Mehrheit die Mauer als Schutz empfindet.

    Jedoch müssen klar die Änderungen zur innerdeutschen Mauer geklärt werden. Anders aber als bei der deutschen Teilung befindet sich die Mauer Israels nicht auf eigenem Teretorium sondern schneidet vielmehr bewusst große Teile von palestinensischen Gebieten ab und schlägt sie Israel zu. Auch gehen die Restriktionen der Mauer deutlich über ihre Grenzen hinaus und sie durchschneidet, in dem Sie Straßen exclusiv für Israelis „schützt“ das Land der Palestinenser/innen.

    Die Ungerechtigkeit und Repession die damit verbunden ist, sollte jedoch aus dem historischen Kontext betrachtet werden. Die Deutschen scheuen sich zum Großteil davor Israel in jeder Form zu kritisieren. Aber genau damit sollten wir anfangen, wenn es sich als „normales“ Land in der Weltengemeinschaft behaupten will. Die Juden wurden durch das dritte Reich verfolgt und ermordet. Der Holocaust ist ein Fakt. Juden wurden bereits davor weltweit geächtet und zu allen Zeiten durch nahezu alle Staaten der Welt herabgesetzt. Ihnen daher einen eigenen Staat zu geben, der Ihnen Sicherheit bietet scheint nur richtig. Ich finde, es ist auch richtig.

    Problematisch wird es dann, wenn Israel mit dem Staatsrecht nun zu ähnlichen Mitteln greift, wie jenen, die wir nun bedauern, weil wir Sie gegen Juden eingesetzt haben. Dabei spreche ich natürlich nicht vom Holocaust als unverzeiliche höchste Form des Unrechts. Ich spreche von dem Ghettoisierung und Ausgrenzung. Ich spreche davon, dass einem anderen Volk kein Staat (nicht einmal das Land) zugesprochen wird, was auch dieses Volk für seine Sicherheit so braucht und fordert.

    Palestinenser müssen sich in Ihren Gebieten größten Represalien aussetzen, die kaum vorstellbar sind, befindet man sich im strahlenden und wachsenden Tel Aviv. Die Frage ist, müsste ein Staat Israel, der sich in der Weltengemeinschaft verortet und der zugleich dem religiösen Anspruch hat, dass es anderen nicht so ergehen soll, wie dem eigenen „Volk“ früher, nicht darum bemüht sein, für eine Lösung des Konfliktes einzutreten und mehr noch Zugeständnisse zu machen, solang sie das eigene Land und die eigenen Menschen nicht gefährden – ja vielmehr sie schützen würden.

    Ich halte viel davon nach über 60 Jahren die Hüllen der Zurückhalten fallen zu lassen. Dazu gehört, dass Palestina klare Vereinbarungen einhalten muss. Aber auch, dass Israels Politik sich mäßigt und die Politik der Siedler (die oft eine eigene radikale Lobby bilden) abgewürgt wird. Es darf nicht sein, dass der Staat Siedlungen für illegal erklärt und trotzdem schützt. Und dort muss der erste Schritt durch die Israelis ansetzen. Denn die Politik der Siedler ist eben nicht getrieben durch ein Sicherheitsbestreben, sondern allein durch einen annektierenden Patriotismus, der der Verganenheit angehören muss!

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