Transzendenz, oder: der Mensch als das schlechtere Tier?

Wahrnehmung ist eine Fähigkeit, die jedem lebenden Geschöpf dieser Erde in irgendeinem Umfang zuteil geworden sein muss; ohne die Fähigkeit relevante Informationen aus der Umgebung aufnehmen und korrekt verarbeiten zu können, ist kein Geschöpf alleine lebensfähig. Wie viel ein Lebewesen wahrnimmt und wie es das tut, kann man sich als Mensch wenn überhaupt nur schwer vorstellen. Zudem muss bei den Reaktionen, die aus einer Wahrnehmung erfolgen, unterschieden werden, ob es sich hier nun um eine reflexartige Handlung handelt oder ob tatsächlich eine Art Reflexion stattgefunden hat, die Handlung also geplant gewesen sein kann. Nun, wie weit kann denn Wahrnehmung gehen und was hat dies für Auswirkungen auf das wahrnehmende Geschöpf?

Wie schon aus dem Titel hervor geht, strebe ich eine Art Vergleich an, was sich bei dieser Thematik anbietet. Viele Menschen sehen Tiere als minderbemittelte Kreaturen an, die entweder rein zufällig existieren, wobei sich wiederum eher zufällig der Lebensraum des Tiers des Öfteren mit dem des Menschen überschneidet. Die Frage, „ob Tiere denken können“ wird von denselben Menschen zumeist spontan mit nein beantwortet. Wieder andere Menschen gehen so weit zu sagen, Tiere haben den einzigen Sinn, für den Menschen zu leben, ihm als Nahrung oder noch zur Befriedigung des Jagdtriebs zu dienen – fraglich ob ein solcher Mensch jemals näheren Kontakt zu Tieren gehabt hat. Inzwischen beweisen Versuche, dass Affen, laut aktueller Evolutionstheorie unsere Vorfahren, fähig sind, selbst mit Menschen weit über ein gewöhnlich tierisches Niveau hinaus zu kommunizieren. Auf der anderen Seite ist bekannt, dass Tiere (u.a. Löwen) sogar dazu in der Lage sind, strategisch Jagd auf Menschen zu machen, wobei der Mensch der Natur hier ohne technische Hilfsmittel meist schlicht ausgeliefert war. Sind das Anzeichen dafür, eine pauschale Aussage darüber treffen zu können, dass Tiere unbedingt dümmer sind als der durchschnittliche Mensch?

Anders formuliert: inwiefern kann man sagen, dass der Mensch dem Tier gegenüber im Vorteil ist? Betrachten wir die Menschen oberflächlich, für sich in der Gemeinschaft. Jeder Mensch hat seine Aufgabe (oder Art der Beschäftigung, nicht nur im Sinne von Arbeit), jeder Mensch versucht seinen Sinn des Lebens zu finden oder zu definieren und anschließend bestmöglich zu erfüllen. Dabei ist der tierische Aspekt vom Ãœberleben, als der persönlichen Sicherheit, in gut entwickelten Ländern dem Staat überlassen, die Jagd wurde durch den Gang in den Supermarkt ersetzt und die Fortpflanzung blieb zwar prinzipiell vom Akt her meist gleich, jedoch mag sich die Art der Partnerfindung sehr individuell gestaltet haben. Beim Tier hingegen kann man öfter noch von Instinkten sprechen, die es dazu verleiten, in irgendeiner Weise aktiv zu werden – dabei gilt es natürlich zu beachten, dass Instinkte nur Impulse der Wahrnehmung sind. Jedes Tier erfüllt seine Aufgabe, seinen von vorne herein vordefinierten Sinn des Lebens, nämlich überleben und sich fortzupflanzen, also schon optimal, wenn es seinen Instinkten folgt. Ist das ein Nachteil?

Der Mensch, in all seiner Komplexität, seinem Wissen und Vielfalt in seiner Art und in seinem Genpool, ist das einzige Lebewesen, welches dazu „in der Lage ist“ einen Suizid zu begehen, sein Leben geplant zu beenden, weil er mit diesem nicht mehr zufrieden ist, keinen Ausweg aus der aktuellen Situation mehr sieht. Er muss also gleichzeitig auch das einzige Lebewesen sein, welches darüber nachdenkt, was es für einen Grund gibt zu leben (oder ob überhaupt?) bzw. zumindest das einzige, welches diese Frage auch mit einem Nein beantwortet. Im Detail bedeutet das wohl, dass dem Menschen seine Möglichkeit der erweiterten Wahrnehmung, die Möglichkeit der individuellen Definition eines Lebenssinns auch zum Verhängnis geworden ist. Für jeden, der das so nicht glaubt, wird der Zustand der eigentlichen Begrenztheit als Mensch, die man doch nie überwinden wird, spätestens dann bewusst, wenn man sich – als kleiner Mensch – bei Nacht auf einem Feld unter dem weiten Sternenhimmel, mit dem Blick nach oben, fragt, was dort oben alles geschieht, geschah und noch geschehen wird. Einem Tier wird wohl allein schon die Zeit zu solchen philosophischen Pausen fehlen, doch ob es diese auch vermisst…?

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2 Antworten zu Transzendenz, oder: der Mensch als das schlechtere Tier?

  1. Catch sagt:

    Ich finde, dass du in deinem Essay zu wenig über Gefühle debattierst, da diese weit aus mehr ein Zeichen für „entwickeltes“ Leben darstellen als die Gedanken. Ãœberhaupts sollte man die Defintion von Gedanke erstmals klarstellen; was mir unmöglich erscheint. Ist es schon ein Gedanke, wenn auch unterbewusst, ausgelöst durch ein simples Signal eine Handlung durchführend; ein Reflex?
    Dennoch möchte ich mich nicht weiter den Gedanken, sondern vielmehr den Gefühlen widmen.
    Sie sind das Zeichen des Lebens vor allem beim Menschen. Sie zeigen, ob Liebe oder Schmerz, Wut oder Freude, dem Menschen immer wieder aufs neue in seiner Welt, die all zu oft nicht bewusst wahrnimmt, eine klare Differenz zur routinierten Welt, sich drehend ohne einen Augenblick der Gefühle in sich zu spüren.
    Und, um mich wieder dem Thema anzunähern, Tiere sowie Pflanzen, die du außer Acht gelassen hast sind fähig Gefühle zu empfinden.
    Allerdings ist mir unbekannt wie es mit den Kleinstwesen unseres Organismus aussieht, vielleicht kannst du mir ja in deinem nächsten Kommentar darüber informieren!?
    Catch

  2. Marius sagt:

    Gefühle also, sagst du. Ich weiß nicht, inwiefern man sagen kann, dass Gefühle eher ein Anzeichen für die Entwicklung eines Lebewesens sind, als die Fähigkeit in gewisser Weise logisch zu denken, idealerweise außerhalb von Instinkten oder Reflexarten.

    Bei Gefühlen sollte man dann auch wieder differenzieren, ob damit das eigentlich gefühlte gemeint ist, oder eher nur die emotionale Ebene. Erstere Eigenschaft haben meines Wissens nach wohl alle Lebewesen, gehört zum Bereich der Wahrnehmung. Zweite Variante wäre mir allerdings ebenso bekannt, und zwar sogar in relativer Vielfalt: Tiere sind in der Lage zu trauern, sich zu freuen, Angst zu haben, Depressionen zu bekommen oder aber einfach zufrieden zu sein. Wenn du nun ein Seepferdchen, das sogar dazu in der Lage ist zu trauern, wenn es seinen Lebenspartner verliert, dadurch evtl. sogar Depressionen bekommt, die letztendlich vielleicht zum Tode führen können, weiß ich nicht inwiefern dazu Fortschritte fest zu stellen sind. Ich denke, dass Gefühle noch weitaus schwieriger für den Menschen verständlich sind, als die Lebensweise eines Tieres zu analysieren und dadurch evtl. auch Intelligenz zu schließen. Als Maß für Entwicklung scheint mir nun aber auch eher die Kombination aus beidem, logischer Intelligenz und Fähigkeit Emotionen zu empfinden, eher haltbar.

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